Straßenmädchen (blaues Herz)

Die weiblichste Lesebühne Berlins

Alles im Obi

Ich bin jetzt um die 64 Jahre alt und ich würde sagen, ich habe bestimmt 10 Jahre davon im Baumarkt verbracht.
Die Baumarkttypen kann man in drei Grundkategorien unterteilen. Da gibt es den pragmatischen Typ, jemanden der auf sein Geld und auf Qualität achtet und dann den Kreativen, der sucht nach individuellen Lösungen, oder den Entspannungssuchenden, für den ist der Weg schon fast das Ziel.
Mich würde ich als eine Mischung aus pragmatischem und kreativem Typ beschreiben.
Ich gebe gern zu, dass es sich bei mir größtenteils um die urmännliche Befriedigung des Nestbautriebes handelt.
Auch nach so vielen Jahren überzieht mich noch jedesmal eine wohlige Gänsehaut, wenn sich die Schiebetüren zum Obi öffnen. Es ist jedesmal ein Gefühl, wie nach Hause kommen. Ich fühle mich wie Aladin der den Sesam betritt oder so ähnlich. Stundenlang vergrabe ich mich zwischen den riesigen Regaltürmen, plaudere unverfänglich über Schrauben und Metalllegierungen, über Holzleim, der wirklich gut zusammenhält oder über Sägeblätter.
Mein ganz persönliches Glanzstück ist übrigens mein selbstgebautes Schlafzimmer. Zwei Betten hochklappbar mit Kastenunterbau; am Kopfende prunkt ein Regal mit kühnen Bögen und an der gegenüberliegenden Wand ein ähnliches mit spitzem Oberteil. Integriert sind Schreibtisch und Unterschränkchen. Alles ist mit anthrazitfarbenem Lack betupft und mit Granitpulver vermischt. Drei ganze Jahre hab ich dafür gebraucht. Als das Schlafzimmer fertig war, war leider meine Ehe kaputt.
Die Zweite inzwischen. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich eigentlich nicht gern Zeit im Bett verbringe. Denn ich habe seit jeher Schwierigkeiten einzuschlafen, was eindeutig damit zu tun hat, dass ich immer noch ständig meine Ohren aufstelle. Ich komme einfach nicht zur Ruhe. Dieses Ohrenaufstellen ist ein pawlowscher Reflex, ein Relikt aus meiner rätselhaften Kindheit.
Als ich klein war, MUSSTE ich immer mitbekommen, was die anderen Kinder im Heim über ihre Eltern und Geschwister erzählten. Ich selbst hatte ja keine. Ich hatte nicht mal einen Namen.
Mit vor Scham brennenden Trichterohren lauschte ich den Berichten der „normalen“ Kinder über bekümmerte Mütter, nervige Geschwister oder lustige Väter, verrückte Großmütter und über Geburtshäuser in denen man sich verlaufen konnte.
Ich stellte mich immer schlafend. Die Augen fest zugedrückt. Ich hatte Angst, dass sie mich erwischten, die Anderen. Sie hätten mich fragen können nach meiner Familie. Ich hatte doch nichts zu berichten. Denn ich erinnere mich ja an nichts. An nichts, was vor meiner Auffindung zu Ostern 1945 geschah. Und so bin ich auch immer wie ein Osterei geblieben. Seltsam anzuschauen, von der übrigen Welt getrennt durch eine harte undurchdringliche Schale.
Ich werde mein schwarzes Loch nie aufklären. Es gibt nicht die geringste Chance. So bleibt mir nur die Phantasie und die Vorstellung. Ich bin alles, ich kann alles sein. Das ist das Gute daran.

Heute ist der 1.April 2006, ich bin noch mal schnell in den Obi gehuscht, um für meine selbstgebaute Küche eine neue Abdichtung für “hinter der Spüle“ zu besorgen. Meine Frau, Exfrau, Jutta hat mich am Morgen angerufen und gratuliert. Ich habe den Versuch gemacht, sie für heute nachmittag einzuladen. Aber sie hat keine Zeit. Ich schätze, sie will sich eher von mir fernhalten. Ich glaube, sie hat sehr unter meiner Art gelitten. Eigentlich komme ich ja schnell in Kontakt mit Leuten.
Sie schätzen meine leise Art und meinen unterschwelligen Humor. Aber irgendwie kann ich keine Beziehung halten, sie zerfallen immer nach einer Weile. Die einzige Konstante ist und bleibt der Baumarkt. Mein Obilein, wie ich heimlich für mich nenne. Mit denen die hier so rumlaufen, fühle ich mich einfach verbunden. So eine Art Geheimbund. Ich würde ja gern mal wissen, wieviel Heimkinder sich hier so aufhalten.
Seit 60 Jahren heiße ich nun Thomas Herzlieb. Es ist paradox bei so einem Namen, denn mich scheint einfach niemand genug zu lieben oder hat es damit zu tun: Wie man in den Wald hinein ruft, so schallt es heraus?

Am 1.April 1945 haben mich die Russen auf der Strecke zwischen Frankfurt und Küstrin am Rand der Oder aufgelesen.

Da ich weder weiß, wer diese Soldaten waren noch irgendeine Möglichkeit habe je an diese Männer heranzukommen, stelle ich mir folgende Geschichte vor:
Man sagt der Ostersonntag 1945 wäre ungewöhnlich warm gewesen.
Ich stelle mir also vor, ich bin ungefähr zwei Jahre alt – mein Geburtstag wurde später auf den 1.April 1943 festgelegt – und sehr müde, deshalb habe ich mich hingesetzt. Die, zu denen ich gehöre, haben mich da einfach vergessen. Es also war keine Absicht! Das tröstet mich noch immer ein bißchen. So sitze ich also am Flussufer herum. Die Frühlingssonne wärmt meinen Bauch und ich kann den Hunger ein wenig verdrängen. Ich sehe auf die Oder. Das Wasser sieht aus wie flüssiges Silber. Das träge Fliesen beruhigt und lullt mich ein. Das schöne Gefühl geht weiter, als die Russen kommen und mir Brot schenken. Das haben sie ganz sicher getan. Sie nehmen mich in ihrem Auto mit nach Berlin. Sicher war ich ganz begeistert wegen der Motorengeräusche. Vielleicht hab ich mich schon damals für den Motor interessiert. Und dann bin ich vom Geschunkel eingeschlafen. Später wurde ich dann in der russischen Stadtkommandantur abgegeben.
Die gaben mir dort einen, meinen Namen und legten den Geburtstag fest. Ich schwanke da immer zwischen zwei bis drei Varianten. Die erste ist die Geschichte von einem idealistischen Russen, der einem deutschen Kind einen Auftrag für das neue Deutschland mitgeben wollte: CHerzlieb!
Die andere Geschichte ist die, dass ich einfach sehr niedlich aussah, was ich leider nicht belegen kann. Es gibt ja keine Fotos aus der Zeit.
Dann war es also vielleicht eine russische Soldatin, die mir meinen Namen gab. Sie wollte mich ja eigentlich behalten, doch das ging leider nicht. Ich erinnerte sie an ihren Sohn, den sie in Russland zurücklassen musste und der leider an Typhus verstarb. Ich habe geweint, als die Frau wegging und sie hat mich verzweifelt „Chärzchen“ gerufen.
Das erste, woran ich mich erinnere, ist das Kinderheim in der Rykestraße in Berlin Prenzlauer Berg. Da fing das auch an mit dem Ohrenaufstellen. Dort feierte ich auch meinen ersten bewußten Geburtstag. Es war wohl nach der Berechnung der Kommandantur mein 6.. Also der 1.April 1949. Ich bekam sogar ein richtiges Geschenk, einen Griffelkasten aus Holz. Danach folgten einige Pflegefamilien. Bei einer blieb ich dann. Die Frau hieß Margit. Mich hat total beeindruckt, dass sie aus meiner Tasse getrunken hat. Einfach so. Die erste Zeit war auch sehr schön, bis sie sich immer mehr mit ihrem Mann gestritten hat. Weihnachten fuhr sie dann zu ihrer Schwester und ich blieb ganz allein. Der Mann ging in die Kneipe.
Ich nannte sie trotzdem Mutti. Als ich dann Lehrer wurde und später sogar Direktor einer Grundschule war sie sehr stolz auf mich.
„Können Sie mal halten?“ fragt mich plötzlich eine orange gekleidete Verkäuferin. Ich blicke mich um. Da steht eine Frau. In den Armen hält sie einen sehr schweren unhandlichen Karton. Sie scheint gleich unter der Last zusammenzubrechen. Schnell packe ich zu und spanne unwillkürlich die Muskeln, in Erwartung des Gewichtes, an. Seit einiger Zeit habe ich ziemliche Probleme mit meinem alten Rücken. Vielleicht war ich ja doch nicht erst zwei als mich die Russen fanden. Doch was ist das?! Der Karton ist federleicht. Irritiert kann ich mich nicht mehr auf den Beinen halten und falle nach hinten. Die Verkäuferin kichert los.
„April, April.“ flüstert sie erschrocken, als sie sieht, wie sich mein Gesicht vor Schmerz zusammen zieht und wie entsetzt ich sie nun anstarre.
„Heute ist doch der 1.April.“ erinnert sie mich. Und fügt erklärend hinzu: „ Wir kennen uns doch. Ich hab sie doch beraten wegen dem Holz.“
Mühsam erhebe ich mich. Sie entschuldigt sich, da ich sie augenscheinlich nicht erkenne.
Sie erklärt weiter:„ Wir haben doch damals so gescherzt, erinnern Sie sich nicht?“ Ich erinnere mich nicht. Ich sage aber nichts um sie nicht zu verletzten. Sie hilft mir hoch. Sie tut mir leid, wie sie so ganz unsicher und unglücklich da steht.
„Ich hab heute sogar noch Geburtstag.“ witzele ich um die Situation aufzulockern. „Wirklich“, ruft sie überrascht aus. Und dann zwinkert sie mir zu: „Sie veräppeln mich doch nicht.“
Ich zucke mit den Schultern. Sie stutzt.
„Nein, nein das ist heute wirklich mein Geburtstag“, erkläre ich. „Vermutlich“, sage ich zu mir selbst.
Wir stehen ein bißchen herum. Sie reicht mir kurz entschlossen die Hand. „Also dann, Herzlichen Glückwunsch und Entschuldigung noch mal für meinen Scherz.“ „Ach schon gut“, ich winke ab und wende mich schnell wieder dem Regal zu. „Neue Abdichtung“, murmele ich. Sie nickt verstehend. Ich ziehe einen Stöpsel hervor.
„Universal“, murmele ich weiter. Sie lächelt und geht.
Während ich nun Dichtungsstreifen bedächtig in den Händen wiege und – nur so – ein paar Holzleisten vorsichtig befühle; vielleicht könnte ich ja im Flur doch noch ein paar Tapetenleisten anbringen, versuche ich mich zu erinnern, worüber ich mit der Verkäuferin denn so gescherzt haben soll. Mir fällt beim besten Willen nichts dazu ein. Stattdessen muss ich nun immer mehr an Ingrid denken. Ingrid ist meine Tochter aus erster Ehe. Wenn ich ganz ehrlich bin, schmerzt es mich am meistem in meinem Leben, dass ich den Kontakt zu ihr verloren habe. Sie ist jetzt schon fast 40. Soviel ich weiß, lebt sie mit Mann und Kindern irgendwo in Bayern. Ich hab ja nicht mal ihre Telefonnummer. Ich muss gestehen, ich weiß nicht mal wie sie jetzt heißt. Schnell greife ich nach den Tapetenleisten. Ich mach den Flur neu, beschließe ich. Bei dem Gedanken werde ich ganz aufgeregt und fange an zu schwitzen. Vielleicht sollte ich ja doch mal an die Oder fahren, dahin wo sie mich gefunden haben. Vielleicht sogar heute, ich hab ja nichts weiter vor und ich bin ja niemandem Rechenschaft schuldig. So ein Quatsch. Als ob das irgendetwas ändern würde. Was soll da schon sein. Ein ödes flaches Land, ein bißchen Wasser, denke ich. Inzwischen bin ich zur Kasse vorgerückt. Plötzlich tippt mir jemand auf die Schulter. Ich drehe mich um. Vor meinem Gesicht prunkt ein schmucker Azaleenbusch. Die Verkäuferin lugt dahinter hervor und überreicht ihn mir mit einem Grinsen.
Ich freue mich darüber, ich freue mich wirklich.

Advertisements

Einzelbeitrag-Navigation

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: