Straßenmädchen (blaues Herz)

Die weiblichste Lesebühne Berlins

Franzis Vermächtnis

An den Namen des ersten Mannes, den ich im Westen küsste, kann ich mich nicht erinnern. Er klang altmodisch, der Mann selbst war ausgesprochen schön. Ich erinnere mich dunkel an Spaziergänge durch herbstbunte Wälder rings um Tübingen, ich erinnere mich an seine Lippen, die bedächtig und zurückhaltend küssten, und dass ich mit ihm zusammen das erste Mal einen McDonald betrat – er meinte, das müsse ich gesehen haben.

Das ist alles. Ich weiß nicht, wie es begann und warum es endete, ich weiß nicht einmal mehr, ob wir irgendwann zusammen ins Bett gingen, nichts davon scheint mich wirklich berührt zu haben. 

Meine Welt spielte sich anderswo ab. Ich war gekommen, um das Leben zu leben, das ich gesucht hatte, ich wollte studieren, durch die Welt reisen, mich politisch engagieren. Aber das Leben war nicht mitgekommen, es fand weiterhin dort statt, wo ich hergekommen war. Zu mir kam es nur mit den Briefen meiner Freunde, mit den Fernsehbildern, in den Stimmen während seltener Telefonate.

Mein Zimmer im Studentenwohnheim war in der Innenstadt. Mein Onkel hatte mir gratuliert, dass es so schnell geklappt hatte – und dann noch so preiswert! Heller Teppichboden, Einbauregale, Bett, sogar ein Balkon. Da hätte ich wirklich Glück gehabt.
In Wirklichkeit aber lebte ich im Studentenwohnheim in Leipzig, aus dem mir Simone schrieb: „Wenn wir alle zusammen im Zimmer sind, ist es ganz schön eng und wenn man einen Hefter aufschlagen will, muss man sich ins Bett legen. Ein Doppelstockbett ist leer, wir wissen nicht, ob noch jemand kommt. Es wird gemunkelt, dass massenhaft Studenten während des Sommers verschwunden sind. Ich hab natürlich auch von Dir erzählt. Bitte schreib mir ganz schnell, wie es Dir geht und was Du so machst. Ich kann mir überhaupt nicht vorstellen, wie Dein Leben jetzt aussieht.“

Ich hingegen tat nichts anderes, als mir vorzustellen, wie Simone mit ihren vier Mitbewohnerinnen um den Resopaltisch saß, wie sie Unmengen von bulgarischem Rotwein tranken, sich über ihre Profs lustig machten und über die Schönfärberei der Zeitungen aufregten. Auf dem Fensterbrett und auf dem Fußboden Kerzen in Flaschenhälsen. Den umliegenden Zimmern statteten sie Besuche ab, schnappten die neuesten Gerüchte auf und diskutierten bis zum frühen Morgen, wie alles weitergehen würde, sie wohnten zusammen, lernten zusammen, schliefen manchmal zusammen. Ich beneidete sie.

Ich wusste nicht, was ich mit den Tagen machen sollte. Jeden Abend nahm ich mir einen Behördengang für den nächsten Tag vor, es lähmte mich, wenn ich daran dachte. Manchmal schaffte ich es bis zum Arbeitsamt, zum BaföG-Amt, zur Krankenkasse oder zum Einwohnermeldeamt. Auf dem Rückweg hatte ich ein leeres Gefühl im Bauch, zumeist hatte ich nichts erledigen können, in meiner Tasche steckten Formulare, die eine weitere Kette an Gängen verlangten. Oft ging ich morgens in den Supermarkt nebenan, um ein paar Sachen nur fürs Frühstück zu holen und kehrte erst mittags zurück, mit großen Tüten voll Frischkäse, Schokolade, Dosenfisch, Lakritzen, Wein und Heidelbeeren, die pappig schmeckten. Das Meiste davon verdarb schnell. Nachmittags waren alle Behörden geschlossen, ich konnte meine Formulare guten Gewissens auf den nächsten Tag verschieben, stellte den kleinen Fernseher an, den mir mein Onkel geschenkt hatte, stierte hinein, aß Kartoffelchips und Weintrauben und wartete.

Die Bundesaufnahmestelle in Gießen schickte mir eine Bestätigung, dass ich im Wege der Aufnahme gemäß Aufnahmegesetz (AufnG) in das Bundesgebiet einschließlich des Landes Berlin gekommen sei. Aufnahmeschein Nr. 939 259, Aufnahmeland unter Anrechnung auf die Landesquote Baden-Württemberg. Das Bundesamt für Verfassungsschutz begrüßte mich herzlich in der Bundesrepublik Deutschland. Falls ich nachrichtendienstlich verstrickt gewesen sein sollte, so hätte ich nun die Gelegenheit, mich endgültig daraus zu lösen und den Druck einer möglichen Erpressbarkeit für immer von mir nehmen zu lassen.
Ich schreibe einen Brief zurück. Ich bitte um Informationen, wo und wie ich Freunde wiederfinden könnte, die auf dem gleichen Weg in das Bundesgebiet einschließlich des Landes Berlin gekommen sind. Ich füge eine Liste ihrer Namen hinzu. Es sind 13.

Irgendwann hatte ich es bewältigt, ins Immatrikulationsbüro zu gehen und mich einzuschreiben und setzte mich in die Cafeteria des Mensagebäudes. Vor mir lag mein Studentenausweis, ein Din A5 Heftchen aus weichem, grauen Karton. Ich wartete auf eine feierliche Regung, Befriedigung wenigstens, aber ich war nur müde.
Das rothaarige Mädchen neben mir hieß Rotraud und ihrer Gesprächigkeit konnte ich nicht widerstehen. Rotraud war aus Kiel und zahlte für ihr Zimmer in einer WG 450 Mark. Eingeschrieben hatte sie sich für Kunstgeschichte und Ethnologie, ihre Wäsche wusch sie bei 40 Grad, ich werde nie kapieren, nach welchen Kriterien meine Mutter die Wäsche einteilt, sagte sie, bei 40 Grad, da kann man doch nichts falsch machen, oder? Sie blickte mich an, als erwarte sie im Ernst eine sachkundige Antwort, aber ich konnte ihrem Rederausch nicht viel entgegnen und war froh darüber. Ich wunderte mich ehrlich über diese Problemlage, aber zugleich dachte ich an die mit Schmutzwäsche vollgestopften Plastiktüten in meinem Zimmer, deren Anblick in mir die gleiche Übelkeit auslösten wie die wachsenden Stapel unausgefüllter Formulare auf dem Tisch.

Rotraud fragte, was ich studieren würde, und wo ich wohnen würde und was ich für mein Zimmer bezahlen würde und ob ich auch schon immer und unbedingt hierher gewollt hätte. Auf dem Österberg soll sogar mal jemand von der RAF gewohnt haben, sagte sie, und ihre Augen weiteten sich und ich weitete meine Augen auch und staunte. Sie fragte auch endlich, wo ich herkäme, und ich sagte, aus der DDR. „Echt“, sagte sie, „du, das merkt man dir überhaupt nicht an. Wirklich nicht.“ Das klang anerkennend und machte mich stolz und vielleicht hat Rotraud mir damals klar gemacht, worauf es ankommt.

Wir versprachen uns, dass wir uns auf jeden Fall anrufen und uns nicht aus den Augen verlieren würden, man kennt ja niemanden, so neu in dieser quirligen Studentenstadt und außerdem, fand sie, ist das ja wirklich alles sehr interessant so, mit der DDR …

Dreimal haben wir uns verabredet, dreimal sagte sie ab, sie sei total im Stress, das Studium sei unheimlich spannend, sie habe wahnsinnig interessante Leute kennen gelernt. Ich wünschte mir, auch im Stress zu sein. Ich besuchte ein paar Seminare wie im Halbschlaf. Immer wieder verlief ich mich in dem Betongebäude des Neuphilosophikums, die Flure und die Gesichter erschienen mir sehr ähnlich. Manchmal lag ich den ganzen Tag im Bett. Sobald das Programm begann, stellte ich den Fernseher an. Stundenlang starrte ich hinein, süchtig nach neuen Nachrichten, auf Wiederholungen der gleichen Bilder. Wieder stand Hans-Dietrich Genscher auf dem Balkon und sagte: „Ich bin gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise …“ Ich konnte nicht genug davon kriegen, jedes Mal hielt ich erneut den Atem an, kämpfte mit den Tränen und fühlte mich angesichts der jubelnden Menge sehr allein.

Ich schrieb lange Briefe an Simone. Ich schrieb, dass ich total im Stress sei, mein Zimmer entzückend und ein großes Glück, das Studium ungeheuer spannend, Tübingen eine aufregende Stadt mit massenhaft interessanten Leuten und wie viele Freunde ich unter ihnen schon gefunden hätte.

„Du sprichst wirklich ein ganz hervorragendes Hochdeutsch. Darf ich fragen, wie das kommt?“ Rotrauds Freund spricht auch hervorragendes Hochdeutsch. In der Mitte des Tisches steht ein Raclette, neben den Tellern liegen Schäufelchen und Holzspatel. Rotraud sitzt weit weg am anderen Ende des Tisches, rechts und links von mir ihre Kommilitonen. Ich hatte an ein vertrauliches Beisammensein mit Wein auf dem Teppich ihres Zimmers gedacht, als sie mich eingeladen hatte, jetzt erhalte ich eine Audienz. Ich bin die Hauptperson, eine Art Attraktion, und fühle mich unwohl. Ihre Freunde stellen wohlformulierte Fragen, die ich nacheinander beantworte. Warum ich geflohen sei? Das ist doch klar, antwortet Rotrauds Freund für mich, die Unfreiheit, die Bespitzelung, dieses autoritäre Schulsystem, der wirtschaftliche Niedergang. Wie ich es habe aushalten können, wollen sie wissen, wie ich geflohen sei, was nun eigentlich das Schlimmste von allem gewesen sei?
Ich überlege und beginne zu erzählen, erzähle von dem dressierten Schweigen vieler und dem wunderbaren Gefühl der Verbundenheit, wenn man den Mund aufmachte und Unterstützung bekam, erzähle von der öffentlichen Zustimmung und dem heimlichen Unmut, ich erzähle vom Unglück, Pfarrerstochter in einer Dorfschule zu sein, und von Simone, mit der ich in Rumänien war und zusammen durch die DDR getrampt bin und die jetzt in Leipzig zu den Montagsdemos geht, ich erzähle, während ich unordentlich Broccoli und Champignons aufeinander häufe, von verbotenen Filmen und der Klassenfahrt nach Moskau, von meiner Ablehnung zum Studium und der fast religiösen Ehrfurcht, als ich zum ersten Mal Orwells „1984“ in der Hand hielt, das auf abenteuerlich versteckten Wegen zu mir gelangt war. Erzähle und erzähle, erzähle mich in einen Rausch und nehme schließlich wahr, dass die Runde verstohlen gähnt und verstumme ernüchtert.

In Amerika, sagt Rotraud in die Stille, kenne kaum jemand George Orwell, es sei nicht zu fassen, wie ungebildet sie dort seien. Erlebnisse vom Austauschjahr in Amerika beleben das Gespräch wieder, von der Au pair Zeit in Neuseeland, Frankreich und Kanada, sie erzählen von Klassenfahrten nach Amsterdam und Westberlin, und ich schweige. Trotz unseres hervorragenden Hochdeutsches sprechen wir unterschiedliche Sprachen. Sie haben mich eingeladen, sie haben interessiert gefragt, haben höflich alle Antworten vernommen. Trotzdem habe ich das Gefühl, den ganzen Abend eigentlich für mich geredet zu haben.

Eine Weile werde ich herumgereicht, bereichere Kaffeerunden, Raclette ist gerade schick, und ich lerne, mit den Schäufelchen umzugehen und routiniert die immer gleichen Fragen zu beantworten. Ich bin Kronzeugin, das Erzählen tut mir gut, aber eigentlich fühle ich mich als Hochstaplerin, denn was weiß ich noch von dem, was wirklich passiert?

Ich tue mir leid. Ich kann nur schwer fassen, dass das, wo ich so brennend gern dabei gewesen wäre, ohne mich stattfindet. Ich rufe meinen Bruder an, um ihm zum Geburtstag zu gratulieren und er erzählt enthusiastisch, dass er gerade aus dem Knast frei gelassen worden sei, bei einer Demo war er und wurde festgenommen, das war fetzig, du kannst dir nicht vorstellen, wie viele von unseren Bekannten dort waren.

Als ich begreife, dass der Verfassungsschutz mit anderem beschäftigt ist, als meine abgehauenen Freunde zu finden, werde ich gefunden. Diana, mit ihrem Mann nach versuchter Republikflucht und Gefängnisaufenthalt gemeinsam in den Westen abgeschoben, treffe ich auf der Straße. Sie lädt mich ein, ein Treffen von Ex-DDRlern. Ich gehe voller Vorfreude und Erwartung, aber ich fühle mich auch hier fremd. Geschichten von Grenzpolizei, gehetztem Rennen durch die Nacht, von Haft, von Scheinwerfern und Auffanglagern schwirren durch den Raum. Mein Grenzübertritt hatte nichts Spektakuläres, ich habe nur die Erlaubnis bekommen, meinen Großvater zum 90. Geburtstag zu besuchen und bin geblieben. Das ist mir irgendwie peinlich, ich habe nicht mal eine rechtschaffene Fluchtgeschichte. Die anderen erzählen, wo sie Arbeit haben und was sie verdienen, von Zypern, Italien, Irland, von wo sie gerade zurück gekehrt sind, von Autos, die sie gekauft, Pornokinos, die sie besichtigt haben. Sie fragen auch nach meinen Plänen, und ich höre mich reden vom Reisen und vom Studieren. Keiner von ihnen will zurück, nie wieder, und was montags in Leipzig geschieht, sagen sie, bald werden wir es erleben, wird in Kürze in Himmlischen Frieden übergehen.

Dann fällt die Mauer und bald wird klar: Ich könnte zurück, ich könnte in Leipzig studieren, mit Simone zusammen. Aber ich habe Angst, sang- und klanglos zurückzukommen, ohne Auto, ohne Geld, ohne Belege dafür, dass die Tellerwäscherin auf dem Weg zur Millionärin ist. Simone besucht mich auf der Durchreise nach Paris und fragt mich über die Möglichkeiten aus, in Tübingen zu studieren. Mein Bruder kommt, kauft einen gebrauchten Audi und packt ihn vor der Rückfahrt mit gebrauchten Fernsehern und Videorecordern voll. Ein Zurück gibt es nicht mehr, ich habe das Wichtigste verpasst und vermisse etwas, was im Verschwinden ist.
Ich fülle endlich alle Formulare aus und laufe die Ämter ab. Ich wasche meine Wäsche, bei 40 Grad zuerst und lerne binnen kurzem auch die Feinheiten. Ich spreche bald ein flüssiges Schwäbisch, lese Auster und feministische Literaturkritik statt Aitmatow, mir ist wichtiger, dass Kohl verschwindet als die DDR. Ich lerne, dass es wichtig ist, auf meine Haut am Po zu achten und die Lachfalten in den Augenwinkeln, gewöhne mir ab, Fräulein oder Ausländer zu sagen, und als der erste Golfkrieg beginnt, spreche ich großartig vor Demonstrationspublikum den Satz: Wir sind von einer Nachkriegsgeneration zu einer Kriegsgeneration geworden. Ich meine es ernst, ich fühle mich als Teil einer gemeinsamen Generation, obwohl ich genau weiß, dass keiner derjenigen, zu denen ich spreche, auch nur ein einziges Kindheitserlebnis mit mir teilt. Ich bin angekommen, immer mehr Leute loben mich dafür, dass man es mir überhaupt nicht anmerkt.

1992, als Franziska van Almsick in Barcelona ins Becken steigt, bin ich in Tansania, weit weg von Ost und West, und lerne gerade, dass die Gräben ganz anders verlaufen. Ich sitze in einem maßlos überteuerten Hotel vor dem Fernseher, höre die lobenden Kommentare der CNN-Reporter über das Mädchen aus Ostberlin und sehe, wie Franzi sorglos, ja stolz der Welt ihre Herkunft kundgibt. Ich glaube, von ihr habe damals nicht nur ich gelernt, dass es überhaupt nicht darauf ankommt, es sich nicht anmerken zu lassen. Und vielleicht ist das viel wichtiger als all ihre Weltrekorde.

Advertisements

Einzelbeitrag-Navigation

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: