Straßenmädchen (blaues Herz)

Die weiblichste Lesebühne Berlins

Bussis Dackel macht den Schlendrian

Auf Hiddensee wurde ein junger Mann vermisst.
Hubschrauber mit Wärmebildkamera flogen zich mal über die Insel.
Eine Hundestaffel kam, die suchte ihn 2 Tage lang.

In dem Zusammenhang erzählte Frau Kula, die Vermieterin,
von 2 erfrorenen Männern im letzten Winter.
Filmregisseur einer, 50 erst und Busfahrer, Bussi genannt, der Andere.
Ersterer betrunken im kniehohen Graben in der Heide geblieben,
Letzterer vom Zuckerschock in eben dieser überrascht, das Hemd aufgerissen, nach Luft schnappend.

Ich träumte an jenem Morgen von meinem Jungen, davon, als er noch ganz klein war,
Ein Baby, knuffig und rosig und hilflos, wie ein warmer Haufen von beseeltem Fleisch.
Und in echt nun bald 16 Jahr, will Handwerker werden und weiß gar nicht wie das geht.

Bussi, der Busfahrer, ist auch Jäger gewesen.
Er besaß deswegen einen alten Dackel.
Der war einfach davon gerannt,
als Bussi nicht nach Hause kam.
Man ist sich sicher – in die Hiddenseeer Heide und dort erfroren, bei minus 20 Grad.
Steif wie ein Brett dann, so wie sein Herrchen auch.
, weiß die fast alte Frau Kula mit langem grauen Haar und Krampfadern an den Beinen und kniekurzen Hosen und Schnitzelbratend und bettenabziehend und unkrautjätend und das Enkel hat schon wieder Geburtstag.

Meine Tochter hat jetzt auch einen Hund und ihre erste eigene Wohnung.
Der Hund kommt aus einem spanischen Tierheim, wo menschenunwürdige Bedingungen herrschen sollen.
Der Hund hat noch nie einen Wald gesehen und weiß auch nicht, was Streicheln ist.

Die Wohnung meiner Tochter ist schön, sie hat einen ganz eigenen Stil.
Meine Tochter trug einst ein rotes Mäntelchen und hatte einen forschen Schritt in die Welt hinein mit mir an ihrer kurzen Seite. Mit einem Gesichtchen so liebreizend und himmelblaufrisch wie der erste Atem der Erde.

Eines frage ich mich heute:
Was ist, wenn Bussis Dackel gar nicht tot ist und dort in der Hiddenseer Heide einen Schlendrian macht. Ohne Herrchen, nach so vielen Jahren als Hund rund um die Uhr.
Ich sehe ihn vor mir, wie er erst rennt und dann immer langsamer wird, wie er beginnt überall herumzuschnüffeln, dann irgendwann den Kopf in den Himmel reckt und horcht und dann wartet und dann – niemand ruft nach ihm.

von Karen Matting

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