Straßenmädchen (blaues Herz)

Die weiblichste Lesebühne Berlins

Die Krise als Chance

Ich bin stolz. Ich bin so stolz.

„Sie haben eine typische Sportverletzung“, hatte die Ärztin kopfnickend gesagt, und dabei ernst und wissend mit einem Auge in ihren Bildschirm geschaut und mit dem anderen Auge zu mir auf der anderen Seite des Schreibtischs.

Ich habe eine typische Sportverletzung!

Das kann wohl nichts anderes heißen, als dass ich eine Sportlerin bin. Nur Sportler und Sportlerinnen haben typische Sportverletzungen.

Das tröstet mich kurz darüber hinweg, dass meine Wade sticht und brennt und meinem Gang, mit dem ich mich auf die Straße schleppe, niemand anmerken würde, dass ich irgendwie mit Sport zu tun habe.

In der Apotheke lege ich erwartungsvoll das Rezept auf den Tresen. Die Apothekerin schaut kurz und legt ihrerseits ein Päckchen Ibuprofen daneben.

„Ich habe nämlich eine typische Sportverletzung“, erkläre ich ihr.

„Darf ich Ihnen eine Seife einpacken?“ fragt sie. „Oder ein Erkältungsbad?“

Bestimmt ist sie selbst erkältet und hat mich nicht richtig verstanden.

 

Wie von der Ärztin verordnet, lege ich zu Hause mein Bein hoch und mich mit einem Buch dazu.

Anita whatsapped mir: „Na, wie stehts mit unsrer Tour am Wochenende. Mein neues Rad wartet darauf, Brandenburg zu erkunden.“

„Ich darf nicht,“ whatsappe ich zurück und füge drei Heulsmileys hintenan. „Sechs Wochen Sportverbot.“ Noch ein Heulsmiley. „Typische Sportverletzung.“

„Mist“ schreibt Anita. „ Was ist passiert?“

„Zu viel Sport.“ Tippe ich.

„Unsre morschen Knochen halten nix mehr aus, “, schreibt sie mitleidlos. „Ruh dich aus, Schätzchen. Wir zeigen unsern Rädern Brandenburg in ein paar Wochen, es läuft ja nicht weg.“

 

Wie von der Ärztin verordnet, gehe ich zwei Tage später in die Sauna.

„Ist aber leer heute“, wundere ich mich, „ist das Montags immer so?“

„Nöö“, sagt der braungebrannte Saunaaufgießer, „des ist det Wetter. Da sin alle lieber draußen.“

„Nur ich muss drin bleiben“, sage ich traurig. „Ich muss pausieren. Ich habe eine typische Sportverletzung.“

„Ah“, macht er und gießt eine Zitrone-Minze-Eukalyptus-Mischung auf. „Denn sinse inne Sauna doch richtig. Wird schon.“

 

Nachdem ich über Facebook der Welt mitgeteilt habe, dass ich eine typische Sportverletzung habe, bekomme ich endlich Mitleid.

„Sechs Wochen Pause! Das ist hart! Schon dich, liebe Christiane, und bald laufen wir wieder zusammen.“ Schreibt Anke.

„So sorry! Hoffe, dass es bei Dir nicht sechs Monate dauert wie letztes Jahr bei mir“, schreibt Andreas, reichlich unsensibel, wie ich finde.

„Verstehe nicht, was ihr alle mit der Lauferei habt“, verkündet Uwe.

„Gute Besserung, liebe Christiane,“ schreibt Werner. „Aber ich wundere mich schon, wenn ich lese, wer alles Probleme hat. Immerhin bin ich inzwischen über sechzig, laufe jede Woche meine 50km, aber ich habe seit Jahren keine Verletzung gehabt. Vielleicht liegt es daran, dass ich regelmäßig meine Dehnungsübungen mache.“

„Fuck you“, schreibe ich. In Gedanken natürlich nur.

 

Am Samstag kommt mich Tobias besuchen. Er bringt Blumen und Kuchen und ein Buch: „Die Krise als Chance. Sportverletzung und Neuanfang“.

Er schaut ernst auf mich herab, aber anders ernst als die Ärztin.

„Sechs Wochen ohne Sport findest du also schlimm?“

„Jaaa“, seufze ich. Ich denke wehmütig an den blanken Himmel über Brandenburg, an das glitzernde Wasser des Weißensees, an bunte Rennradler und den schönen Rausch nach zehn Laufkilometern und einem anschließendem Alsterwasser.

„Sechs Wochen sind aber nicht lang“, sagt er. Sehr, sehr ernst sagt er das.

„Zeit ist relativ“, sage ich.

„Du bist süchtig“, sagt er.

„Vielleicht“, sage ich. „Vielleicht habe ich auch einfach nur eine typische Sportverletzung und finde das blöd.“

„Ich wollte schon lang mit dir darüber reden“, sagt er.

„Über die Verletzung?“

Er holt Luft: „Du läufst vor etwas weg.“

Na super. Dann lieber Werners Mahnungen wegen der dämlichen Dehnübungen.

„Aha“, staune ich und tue eifrig so, als hätte ich bisher nie mit Küchenpsychologie zu tun gehabt. „Aha. Ich laufe also vor etwas weg? Wie ist das nur zu erklären? Wo ich doch immer wieder an meiner Haustür ankomme.“

„Du weißt, was ich meine“, sagt Tobias ernst. „Das ist auffällig. Du läufst vor deinen Problemen davon.“

„Na und?“ Sage ich. „Da ich sie sowieso nicht lösen kann, wär’s ein Geschenk, wenn ich davon laufen könnte. Kann ich aber nicht. Immer, wenn ich zu Hause ankomme, sind die noch da. Meine Theorie dazu ist übrigens eine ganz andere.“

„Da bin ich aber gespannt“, sagt Tobias.

„Es ist nämlich so, dass Sport glücklich macht und die Intellektuellen in Deutschland wollen sich nicht erlauben, glücklich zu sein. Weil sie finden, dass man wegen des Holocaust immer unglücklich und in sich gekehrt und ernsthaft und tiefsinnig sein muss. Also machen sie keinen Sport und sind unglücklich und weil sie unglücklich sind, gönnen sie auch anderen kein Glück.“

„So wie ich?“ sagt Tobias beleidigt. „Ich kann nicht glücklich sein und gönne niemandem sein Glück?“

„Du bist eine Ausnahme. Weil Du schwul bist. Schwule müssen wegen des Holocaust nicht unbegrenzt unglücklich sein. Sie gehören zur Opfergruppe. Bei ihnen ist das Glücklichsein nach dem Holocaust schon Subversion. Sportler dagegen gehörten zu Hitlers Lieblingsmenschen. Also sind sie immer wieder schuldig, wenn sie Sport machen. Das ist so wie mit der Wagnermusik.“

„Aber jetzt, meine Liebe, bist du ja wohl die Unglückliche.“

„Ich bin, mein Lieber, unglücklich, weil ich jetzt erst mal keinen Sport mehr machen kann und die Medaille, die ich mir nach dem 10km-Straßen-Lauf über den Schreibtisch hängen wollte, vergessen kann. Weil ich eine typische Sportverletzung habe.“

„Dann“, sagt Tobias, „machst du es gar nicht zum Glücklichsein. Sondern nur wegen der Medaillen. Für die Anerkennung.“

„Doch. Wohl“, sage ich. „Weil ich mit ihr ganz besonders glücklich bin.“

„Übrigens“, sagt Tobias total beifällig, „heißt es, dass Sportler im Grunde ein fehlendes Sexualleben kompensieren.“

„Und was soll daran falsch sein?“ rufe ich empört. „Sollte ich stattdessen einen hilflosen Radsportler vergewaltigen? Und bist Du sicher, dass Du das nicht nur sagst, damit in diesem Text auch was mit Sex vorkommt? Oder willst Du einfach grundsätzlich den Sport schlecht machen und mir meine typische Sportverletzung vermiesen?“

„Ich versuche Dir zu helfen, dich mal zu hinterfragen“, sagt Tobias. „Gerade war wieder in der Zeit ein Artikel darüber. Reiten zum Beispiel macht so süchtig wie Exstasy.“

„Wer Sport macht“, sage ich, „darf nach Belieben Kuchen essen. So ist das nämlich. Und darauf seid Ihr Nicht-Sportler neidisch. Das ist der wahre Grund der Debatte.“

„Haha“, sagt Tobias. „Wer keinen Sport macht, kann aber nach Belieben rauchen.“

„Wer Sport macht, kann auch nach Belieben rauchen. Besonders mit einer typischen Sportverletzung. Mich beliebt zu rauchen. Komm, lass uns unseres Beliebens wegen eine rauchen gehen.“

Advertisements

Einzelbeitrag-Navigation

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: